»Wenn die geistige Welt es will, kommt es sowieso«. Stefan Urich ist sich sicher, dass Heilwerden und Heilen nicht nur medizinisch-therapeutische Probleme sind. Für ihn walten zwischen Himmel und Erde weitaus mehr Kräfte als der wissenschaftsgläubige Europäer gemeinhin annimmt. Daher bezieht der Heilpraktiker aus Herrenberg seit einigen Jahren das Geistige Heilen in sein Repertoire mit ein.
Hier eine Ikone, da eine Madonna, Engel und Edelsteine gepaart mit fernöstlichen Motiven und Rosenkränzen: Die Atmosphäre des Heiligen hat Stefan Urich schon immer angezogen, nicht nur in seiner Praxis. Die mystische Stimmung einer Osternachtsfeier oder Christmette ließen den Ministranten und Pfadfinderleiter bereits in der Jugend erkennen, dass Religion nicht beim theoretischen Glaubenswissen stehen bleiben darf, sondern erfahrbar werden muss.
»Wir brauchen Rituale, die mit der geistigen Welt verbinden, mit dem Heiligen Geist, der ja immer mit uns verbunden ist«, erklärt Urich, der auch schon bei Heilungs- und Salbungsgottesdiensten in Herrenberg und Magstadt mitgewirkt hat. Spirituell abgehoben erscheint der 46-Jährige dabei keineswegs. Eigentlich wäre er gern Bildhauer geworden, etwas Handfestes und Kreatives also, aber die Wahl fiel schließlich auf einen sozialen Beruf. Er wurde Krankenpfleger, zunächst in Tübingen und anschließend zehn Jahre im Landeskrankenhaus in Calw.
Die begrenzten therapeutischen Möglichkeiten mit Langzeitkranken in der Psychiatrie weckten in Urich die Sehnsucht nach heilsamen Alternativen. 1988 begann er als Heilpraktiker tätig zu werden, bildete sich fort in Homöopathie, Naturheilkunde, Chiropraktik und Ortho-Bionomy, einer Körpertherapieform, die mit Bewegungsimpulsen arbeitet. Mittlerweile lehrt er selbst einige Methoden, leitet Seminare und Selbsterfahrungskurse.
In einer kritischen Lebensphase mit Ende 30 besuchte der dreifache Familienvater Seminare zum Geistigen Heilen, das er auch selbst an sich erfuhr. »Wahre Heilung kann nur durch Sinnfindung und Aktivierung der Selbstheilungskräfte erfolgen«, ist er überzeugt. »Ohne Erkennen der Krankheitsursache findet nur eine ständige Verlagerung der Symptome statt, die nicht wirklich in die Tiefe geht und zu einer Lösung führt«. Aber auch das Erkennen ist es nicht allein, denn »eine Psychoanalyse macht noch lange nicht vom Schicksal frei«, gibt der Heilpraktiker zu bedenken.
Beim Geistigen Heilen versucht Urich durch Gespräch, Gebet, Handauflegung und andere energetische Techniken eine Verbindung des Patienten zum »höheren Selbst« herzustellen, das heißt zu Gott, Jesus, zum Heiligen Geist. Dabei stehen oft belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit, falsch verstandene Schuld, schicksalhafte Beziehungen oder auch bedrohliche Gottesbilder im Weg. Ziel ist es, »alles wieder in einen richtigen Bezugsrahmen zu rücken, »das Haus der Seele, zu harmonisieren«, erklärt Urich. Beim Geistigen Heilen versteht er sich als Seelsorger, wobei ihm allerdings sein medizinisches und psychosomatisches Grundwissen sehr von Vorteil ist.
»Jeder kann sich Heiler nennen und als solcher arbeiten, wenn er darauf hinweist, dass er reine Seelsorge und Lebensberatung betreibt und nicht medizinisch-therapeutisch behandelt«, erläutert Urich. Der Dachverband für Geistiges Heilen hat dazu klare Verhaltensregeln erlassen, um Hilfe Suchende vor unlauteren Machenschaften und Manipulationen zu schützen. Urich selbst legt großen Wert auf die »Unterscheidung der Geister, die schon dem Apostel Paulus wichtig war«, denn im Supermarkt der esoterischen Angebote gibt es in der Tat viel Unseriöses und Skurriles.
Daher findet Urich die eigene Vergewisserung so wichtig: Was glaube ich eigentlich als Christ? Auf welchem Boden stehe ich und aus welcher geistigen Qualität schöpfe ich? Diese Fragen hat sich der Heilpraktiker selbst immer wieder gestellt und hier verlässt er sich auf sein »inneres Wissen«, seine Glaubenserfahrungen. »Die kann mir niemand nehmen«, versichert er. Mit dem je eigenen inneren Wissen möchte er auch andere Menschen wieder heilsam in Verbindung bringen. »Letztlich ist das allerdings eine Frage von Gnade«, räumt Urich ein.
Katholisches Sonntagsblatt -- Beate-Maria Link
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